Die Mission von IN OMNIA LUX? Die Schönheit des Lebens im Menschsein erkennen, abbilden und beschreiben. Deswegen findest du hier den Photo-Bereich; daher zeige ich Sachen, die das Leben schöner machen. Darum schreibe ich über mein Leben, das endlich wieder eines sein sollte, nachdem ich gekündigt hatte.
Aber heute mal ganz von vorne: Was treibt mich dazu an, die Schönheit des Lebens im Menschsein herausfinden zu wollen? Gewiss auch, weil nicht immer alles schön war.
Es folgt: Der unvermeidliche Schwank aus dem eigenen Leben, immerhin extra scharf gewürzt: Denn diese Woche ist die Neurodiversity Celebration Week – oder wie ich es gerne nenne, neurospicy! 🌶️ Denn auch ich bin „irgendwie aus dem Spektrum“, was vermutlich alle Kreativen sind. Warum ich aber nicht die Bohne von solchen Bezeichnungen halte, liest Du im Blogazine Auxkvisit: Ob man es nun hochsensibel oder Asperger nennen will, ist mir schnuppe. Am Ende profitiere ich davon, ja hast auch Du was davon! Denn sonst gäbe es IOL nicht.
»Schon immer irgendwie anders«
So beginnen doch all diese Geschichten: „Ich habe mich schon immer irgendwie anders gefühlt.“ 🥱
Auf diesen vollbeladenen Zug, gegen den Orphan Trains nichts sind, muss ich leider auch aufspringen und hoffe, dabei nicht vom Wagon zu knallen. Als vermutlich Hochsensible würde mir das ganz schön wehtun. Als People Pleaserin würde ich das aber niemals zugeben! 🤪
Ich habe mich als Kind immer wie ein Fremdkörper gefühlt – als dürfe ich nicht da sein oder zumindest auf keinen Fall irgendwie auffallen oder Probleme machen. Es ist umso ironischer, wenn man Kinderphotos von mir sieht: Denn da strahlt einem ein absoluter Charmbolzen entgegen! Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich gerne Leute begeistert und zum Strahlen und Lachen gebracht habe. Also: Die Leute außerhalb meiner Familie.
Denn in meiner Sippe war alles deutlich von der Machart »Es ist kompliziert«.
Da ich Kinderfotos aus Prinzip nicht zeige, wirst Du Dich im Lauf des Textes mit einer anderen Bebilderung abfinden müssen! ッ
Der Start: früher als gedacht!
Eigentlich hätte ich eine Waage werden sollen, aber in meinem durchgeknallten Seelenplan steht ganz zu Beginn ein übermotiviertes: „Ich gehe früher rein.“
Also wurde irgendwann an einem September-Tag 1980 eine nicht ganz, aber ziemlich hochschwangere Frau mit Tatü-Tataaaaa quer durch Bayern nach München gefahren. Meine ganz eigene Schönheit des Lebens begann also mit ordentlich Lärm!
Bin ich deswegen heute so geräuschempfindlich?
neurospicy detail #1
Meine Geburt sollte auf jeden Fall in München passieren. Damit nicht wieder etwas schief ginge: Meine Schwester ist nämlich womöglich nur wegen eines Geburtsfehlers körperbehindert. Da man mit sowas vor Gericht aber nie durchkommt – die Typen in Weiß sind immerhin heilig! –, weiß man es nicht mit Gewissheit. Umso größer war dennoch die Gewissheit meiner Mutter und ihres Frauenarztes, ich sollte auf jeden Fall in der Großstadt zur Welt kommen und nicht wieder in irgendeinem, pardon, unfähigen Kuhkaffkrankenhaus.
Ich kam also, ich sah und … wurde nicht gesehen.

Die Sache mit der Familie
»Dein Vater hat dich gesehen, aber danach getan, als wärst du noch nicht geboren worden. Sonst hätte er im Wirtshaus ja eine Runde ausgeben müssen, und das wollte der Geizkragen nicht«, schimpft meine Mutter bis heute.
War es wirklich so?
Mein Vater war, wie so ziemlich alle Männer in dem kleinen Dorf, wo wir lebten, im Eisenbahnclub Tittmoning. (Den Ort halte ruhig für Fiktion!) In dem Eisenbahnclub war nicht nur mein künftiger Stiefvater, sondern auch einer meiner älteren Cousins. Der wusste natürlich, wie hochschwanger meine Mutter war. Als mein Vater also am Nachmittag meines Geburtstages in den Club kam, fragten alle neugierig »ob schon was da sei«. Mein Vater verneinte. So mein Cousin.
Warum? Weiß keiner. Bis auf meinen Vater. Er starb vor vielen Jahren und mit ihm das Geheimnis, was nun genau los war. Leider ist mittlerweile auch besagter Cousin tot. Dass meine Mutter nicht ganz unrecht haben könne, sehe ich schon daran, dass ich meinem Vater die längste Zeit, freundlich gesagt, scheißegal war. Für ihn existierte ich einfach nicht.
Es gibt ein herzzerreißendes Kinderphoto: Mein Vater mit meiner Schwester halb auf dem Schoß. Beide strahlen in die Kamera. Ein kleines blondes Engelchen mit Puttenfrisur, gewaltigen Backen und riesigen, schwarzblauen Augen sitzt mit einem todtraurigen, ernsten Gesichtsausdruck eineinhalb Meter daneben. Als hätte es eine andere Familie da vergessen. Als hätte es die ganze Welt da vergessen.
Das Engelchen bin ich.
Familiensituation also: »Es ist kompliziert«: Die Schwester im Rollstuhl; der Vater womöglich hochsensibel, laut Mutter mindestens »manisch depressiv, ein Alkoholiker und Arschloch«; die Mutter selbst manchmal definitiv am Aspergern, meistens ein dreifacher Schütze und mit überraschend guten Hellsinnen gesegnet. Später kam mein Stiefvater für ein paar Jahre dazu. Zumindest ich mochte ihn die längste Zeit wirklich gerne.
Die Sache mit dem People Pleasing
Weil ich in den Achtzigern geboren wurde, ein Zeitalter, in dem Väter noch lange nicht das waren, was sie heute sind, und mein Vater angeblich so ein Arschloch war, war meine Mutter von Anfang an quasi alleinerziehend – und ab meinem zehnten Lebensjahr auch offiziell.
Ich schlaues Kind beschloss daher schon ganz früh, so pflegeleicht wie nur möglich sein zu wollen, um dadurch die Liebe und Aufmerksamkeit meiner Mama zu erhalten.
»Ich darf keine Anstrengung machen!«
ein weit verbreiteter glaubenssatz von people-pleasern
Dummerweise ging diese Rechnung aber nie auf; vermutlich sogar im Gegenteil. Obwohl sich meine Schwester und Mutter bis heute weit mehr zoffen, haben die beiden einen viel engeren Draht: Da wird heftig gebrüllt, bis der Rollstuhl bebt und ein Ding durch den Raum fliegt, und Miriam hockt dazwischen, zittert innerlich auch, aber versucht verzweifelt zu vermitteln – um bestenfalls auch noch angebrüllt zu werden. Wenn ich schließlich die Ferne gesucht habe, lagen sich die beiden schon wieder kuschelnd in den Armen.
Energieaufwand, um dazuzugehören, um angenommen zu werden: gewaltig.
das dumme am peoplepleasertum
Resultat oder gar Belohnung dafür: nicht vorhanden.
Heute weiß ich, dass man mein Verhalten People Pleasing nennt. Dass ich immer so nett bin, hat nichts mit Arschkriecherei zu tun; ich verachte so ein Verhalten aufs Tiefste! Wenn jemand herumlügt und nicht integer ist, finde ich das einfach nur zum Kotzen; vermutlich auch, weil ich die Diskrepanz so deutlich wahrnehme.
Dass ich Konflikten am liebsten aus dem Weg renne, ist simpel meine Überlebensstrategie. Die für mich als Kind lebensnotwendig war.
Und die mir heute nichts, aber auch gar nichts mehr bringt!
Charakter, Prägung oder was?
Wie ist das mit dem Menschsein nun? Wenn man ist, wie man ist, ist das Charakter? Prägung? Biographie?
Wenn gewisse Charakteristika im Horoskop, im Radix stehen; wenn Neutrinos den Zeitpunkt meiner Geburt energetisch so gefärbt haben – dann war alles von Anfang an von langer Hand meines Höheren Selbst geplant?
Wie sich das alles ausgewirkt haben könnte
AKA: Kann es Neurodivergenz sein, wenn es nur die Biographie ist, die aber wieder ein paar Nerven geschädigt hat – vielleicht eben auch, weil man immer schon etwas sensibler war?
Bis heute hasse ich Konflikte und gehe ihnen möglichst aus dem Weg. Auch nur der vermutete Hauch eines herannahenden Konflikts stresst mich zutiefst. Erst langsam lerne ich, Kabbeleien und Kontra geben auch als freudvolles Kräftemessen zu sehen.
Mein nicht vorhandenes Konfliktverhalten deutet nun auf Unterschiedliches hin: People Pleaser, Hypervigilanz, Hochsensibilität oder kPTBS.
Ja was denn nun?
Hypervigilanz: Nervensystem immer am Anschlag, weil es aufpasst, ob irgendwo der nächste Säbelzahntiger hinterm Busch hervorspringen respektive der elektrische Rollstuhl der Schwester um die Ecke surrten könnte.
Hochsensibilität: Extrem feine Sinneswahrnehmung, die zur Überbelastung im Alltag führen kann
kPTBS (komplexe posttraumatische Belastungsstörung): schwerwiegende psychische Erkrankung wegen es wiederholten oder langandauernden Traumas in der Kindheit
Noch dazu sehe ich die Veranlagungen im Horoskop: Der Mond im Steinbock – das ist die eigene unterkühlte Emotionswelt, aber auch die emotional abwesende Mutter. Mars im Quadrat zur Venus – da kann man die Körperbehinderung der Schwester ablesen.
Habe ich mir das alles ausgesucht?
Höheres Selbst nickt hier heftig und lacht sich heftig ins Fäustchen, weil es dachte, es packt mal dreieinhalb Inkarnationen in eine – voll effizient! Krchchch!
»Und trotzdem!«
Obwohl in meiner Kindheit und sogar bis zum jüngsten Erwachsenenalter viel Bullshit passiert ist, bin ich kein Griesgram geworden oder irgendwem böse.
Ganz im Gegenteil: Ich bin dafür bekannt, überraschend optimistisch bis idealistisch zu sein. Ich glaube absolut an das Gute – im Menschen, im Leben, in dieser göttlichen Komödie, in der wir hier alle unsere Rollen spielen. Ich bin wirklich fest überzeugt von der Schönheit des Lebens.
»Es ist, wie es eben ist!«,
habe ich mir schon immer gedacht.
»Que sera, sera!«
Das beruhigt ungemein.
Wenn mich Mitmenschen gefragt haben, wie das denn sogar mit einer Schwester im Rollstuhl, den zig Umzügen und den zwei Vätern und … und … (das Schlimmste erspare ich Dir, sonst wird das auch einfach viel zu lang hier), dann habe ich schon immer mit den Schultern gezuckt und gemeint: »Ganz normal für mich. Ich kenne es doch nicht anders!«
Wenn ich bei meinen besten Freundinnen gegessen habe und an dem vergnügt-quirligen Tisch gemerkt habe, wie »normale Familien« so drauf sind, war ich zugegeben schon oft neidisch oder traurig. Aber dann war da auch gleich das Selbstverbot: »Ich darf doch auf meine Familie nicht böse sein, denen geht es doch selbst schlecht genug!«
Heute bin ich niemandem mehr in meiner Familie böse. Jeder hat und hatte seine eigene Geschichte. Meine Schwester hat mir ihrer Körperbehinderung schon wirklich genug zu kämpfen. Und meine Eltern sind beide unmittelbare Nachkriegskinder. Ihre Biographien lassen sich nicht einmal in Gänze nachvollziehen, weil irgendwo immer ein Findelkind daherkommt.
Wie soll man da feste Wurzeln haben?

Die Schönheit des Lebens anerkennen
Der Oscar-Preisträger »Das Leben ist schön« (La vita è bella) von Roberto Begnini spielt im zweiten Weltkrieg. Ist es nicht ironisch, dass ausgerechnet ein Film aus einem der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte so einen Titel trägt? Das ihn – so meine ich, ich habe ihn tatsächlich nie selbst gesehen – ein ganz eigener Humor trägt?
Oft geht Humor mit Untiefen einher. Denke nur an die Schwarz-Weiß-Masken so vieler Clowns; manche tragen direkt ein lachendes und weinendes Gesicht.
Denke lieber auch nicht an Robin Williams! 😭
Und jetzt komme ich mit meiner Biographie daher (die noch längste nicht vollständig ist), mit einem bis heute immer noch reichlich angstdurchseuchten Charakter und erzähl Dir was von »Das Leben ist schön!«.
Eben ganz genau deswegen!
Vielleicht braucht es auch erst recht diese dunklen Etappen in unserem Leben, um die hellen Seiten umso besser erkennen zu können. Damit will ich keinesfalls proklamieren, dass das Leben scheiße sein muss – aber das offensichtlich Schlimme macht es einfacher, daneben oder danach die schönen Seiten zu erkennen. Gegensätze erzeugen natürlicherweise mehr Kontrast. Wenn Du immer Schokolade hast, weißt du sie irgendwann nicht mehr zu schätzen.
Viele Künstler, die so schöne, zart herzberührende Kunstwerke erschaffen haben, sind selbst durch die dunkelsten Gassen gegangen.
Kunst entsteht häufig überhaupt erst aus einem tiefen Schmerz. Deswegen ist es ja so hohe Kunst – weil sie uns wiederum im Herzen zu berühren vermag.
Weil wir den Schmerz auch kennen.
Weil uns die Kunst daran erinnert, uns wieder der Schönheit des Lebens bewusst zu werden.
Und IN OMNIA LUX?
IOL ist meine ganz eigene Kunst: Mit meiner Street Photography halte ich bezaubernde Momente des Alltags fest – das Leben auf den Straßen, architektonische Schönheiten oder andere Kleinigkeiten.








Ich sehe Details und Verbindungen, wo sie erst einmal sonst keiner sieht. Ich möchte sie mit Dir teilen, weil ich einfach gerne schöne Dinge weitergebe – und vielleicht auch, um mich etwas »normaler« zu fühlen, wenn ich dann mitbekomme, dass das auch andere schön finden ッ
Die Schönheit des Lebens findet im Miteinander, im Menschlichen statt. Bei Begriffen rund um den Transhumanismus komme ich immer ins Schaudern: Ich bevorzuge ein organisches Leben in jeder Hinsicht.
Seit Jahren nutze ich überwiegend Naturkosmetik und noch deutlich länger esse ich so gut es geht bio. Weil ich auch bei Dingen gerne Schönes teile, erfährst Du hier ab und an von einfach tollen Sachen. Die natürlich auch mal super zu Reisen, Outdoor und Camping passen. Denn wenn ich unterwegs bin, will ich gerne, soweit es meine mimosenhafte Städer-Natur zulässt, in die Natur eintauchen – oder in zuckersüße Boutique-Hotels.
IOL wird dabei nicht immer so übertrieben persönlich sein, wie es heute war – aber immer mit einem persönlichen Ton. Ich freue mich, wenn Du weiterhin als gerne lesender Mensch dabei bist! ✌︎
Titelfoto: Laufen in Oberbayern (Wikimedia commons); Alle anderen Fotos © Miriam Lochner, in omnia lux
